ÜBER TATSACHEN

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Es ist nicht Normalität. Es ist Normalisierung.

Es ist nicht Normalität. Es ist Normalisierung: wenn demokratische Grundwerte und Rechte nicht mehr anerkannt werden, wenn die Gültigkeit von Menschenrechten in Zweifel gezogen und ausgehebelt wird, wenn Rassismus und Faschismus nicht mehr die rote Linie sind, die von Meinung zu Verbrechen überschritten wird, wenn Sexismus nicht verurteilt, sondern gesetzlich legitimiert ist und Armut als Schuld der Armen statt der Reichen gilt. All das ist weder normal noch legitim. Das wird es nie sein und nie werden, nicht durch Hetze, die sich ins Denken brennt, nicht durch Wahlen und ebenso wenig durch Gesetze. Nirgendwo auf der Welt, auch nicht in Österreich mit seiner schwarzblauen Regierung.

Das ist Tatsache.

Diese rückt jedoch – wie Tatsachen generell – immer weiter aus dem öffentlichen Bewusstsein und somit aus dem Denken, Fühlen und Handeln jeder* und jedes* Einzelnen. Darin liegt die größte Gefahr. Wenn Unrecht nicht mehr als solches wahrgenommen und benannt wird, nicht mehr greifbar scheint, sondern legitimiert wird, wird ihm immer weniger entgegengesetzt. Darauf bauen rund um die Welt Diktaturen, mit Unterdrückung einerseits und Propaganda andererseits – mit aller Macht.

Tatsachen als solche zu erkennen, zu benennen und sie im öffentlichen Diskurs zu verankern ist die zentrale Aufgabe von Journalismus.

Information heißt zu vermitteln, was geschieht – aber auch warum es geschieht und was es bedeutet. Vermeintlich (denn tatsächlich ist es unmöglich) keine Position einzunehmen heißt, sich zum Sprachrohr der Herrschenden zu machen. Das ist keine Frage der Objektivität, aber sehr wohl eine von Haltung und Verantwortung.

Information heißt, Fakten zu erklären, zu verorten, zuzuordnen, die verschiedenen Interessen verständlich darzustellen und ihre Folgen für alle sichtbar zu machen. Verständnis schafft Wissen schafft Realität. Das ist seit der Aufklärung die Basis jeder Demokratie – die ohne die Freiheit von Presse, Kunst und Kultur keine ist und keine sein kann.

Genau deshalb haben wir uns zur Gründung von tatsachen.at entschlossen.

Weil wir nicht bereit sind, Menschenverachtung als jene ‚Normalität‘ zu akzeptieren, die sie im gesellschaftlichen Denken und Tun zum Teil schon geworden ist. In rapider Radikalisierung der diesbezüglichen Bruchlosigkeit österreichischer Geschichte hat sich diese Menschenverachtung aktuell wieder institutionalisiert, und die Gefahr totalitärer Entwicklungen ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Ignoranz bedeutet Beihilfe.

Worte sind Taten.

Tatsachen werden zuallererst geschaffen, indem man sie benennt, und in der Weise, wie man sie benennt. Mittels Sprache werden Bilder erzeugt, Emotionen ausgelöst, Zusammenhänge suggeriert und in letzter Konsequenz gesellschaftliche und menschliche Werte definiert.

Ein 12-jähriger Junge steht vor dir. Wer er ist, wer er sein darf und was mit ihm geschieht entscheidet zuallererst – das Wort: Ist er für seine/n Gegenüber ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, ein fremder Eindringling, eine Nummer über der Obergrenze, ein potentieller Attentäter, ein hilfloser Kriegswaise, ein Überlebender des Meeres oder schlicht: ein schutzbedürftiges Kind? Es ist immer derselbe Mensch. Aber sein Leben hängt sehr wahrscheinlich von dem Wort ab, mit dem er bezeichnet wird, das ihn also definiert.

Das Behaupten von Definitionsmacht bildet die Grundlage für politische Macht. Die schwarzblaue Bundesregierung hat immer wieder darauf beharrt, an ihren Taten gemessen zu werden. Nichts anderes werden wir mit tatsachen.at tun. Auf Ankündigungen, Schlagworte, Gerüchte oder sonstige Vernebelungsaktionen gehen wir nicht ein. Wir fokussieren vielmehr auf ebendiese Taten, auf Entscheidungen – und nehmen die Verantwortlichen beim Wort. Tag für Tag. Knapp und übersichtlich, vertiefend und analytisch, hintergründig und aktuell, investigativ und radikal poetisch. Journalismus bedeutet nicht zuletzt Übersetzungsarbeit. Worüber wird berichtet? Wie wird berichtet, erklärt, definiert? Kultur bedeutet nicht zuletzt, sondern zuallererst unmittelbar auf die Funktionsweise von Gesellschaft und ihre Grundlagen einzuwirken und Kunst verfügt über die Mittel, erstarrte Perspektiven aufzubrechen und Alternativen sichtbar zu machen. Denn genau darum geht es: Es gibt Alternativen. Es ist eine Frage der Entscheidung, denn es geht auch anders. Immer.

Am Tag nach der Angelobung von Schwarzblau, also am 19. 12. 2017, habe ich begonnen, eine Woche lang auf Facebook in einer Serie unter dem Titel „Diary X“ festzuhalten, was diese Regierung tut und welche Folgen ihre Entscheidungen real haben. Am Ende dieser Woche hat sie Résumé gezogen und diese dokumentierten Handlungen und Entscheidungen als Grausamkeiten qualifiziert, mit klar formulierten Zielen, vorsätzlich und aus Überzeugung begangen. Zusammengesetzt aus Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und massiver Gewalt gegen Arme.

Daraus ergeben sich bittere Konsequenzen. Sie werden Menschenleben kosten. An den in Gang gesetzten Prozessen bzw. ihrer rasanten Beschleunigung werden Menschen sterben, an ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, an der Zerschlagung weiter Teile des Sozial- und Gesundheitssystems, an der rasant wachsenden Armut und deren Vererbung über Generationen. Die Zahl derer, die durch die Politik der Grenzschließungen bereits getötet wurden, können wir nur erahnen, es sind Tausende. Und es werden mehr werden. Ebenso wie durch die rigide und immer rigider werdende Abschiebungspolitik.

All diese Entscheidungen werden das tägliche Leben sehr vieler erheblich verschlechtern, und auf das derer, die ohnehin schon zu den Benachteiligen zählen, wird sich diese Verschärfung noch wesentlich schlimmer auswirken. Das ist Fakt. Keine Übertreibung, keine Panikmache, kein parteipolitischer Werbeslogan. Es ist schlichtweg Realität.

Journalismus – und mit ihren Mitteln gilt das auch für Kunst und Kultur – kann und darf dieser Realität gegenüber nicht die Augen verschließen, sondern hat im Gegenteil die Aufgabe, Augen zu öffnen. So viele, so klar und so nachhaltig wie möglich.

Je geringer die Information, je weniger die Aufmerksamkeit und Wachsamkeit und je verhaltener der Widerstand sich entwickelt, desto mehr Menschen werden auf der Strecke bleiben und desto größer und nachhaltiger wird das Ausmaß der geplanten Zerstörung werden. Denn irgendwann schreiben sich unwidersprochene und scheinbar omnipräsente Erklärungsmuster, Narrative, Bilder, Ideologien in die eigenen Denkstrukturen ein. Aus diesen werden in der Folge Entscheidungen, Handlungen, Taten. Wenn politische Gewalt und Menschenverachtung zur Normalität werden, wenn keiner mehr darüber erschrickt, sich empört, wütend wird, aufschreit, sich widersetzt, sich für andere einsetzt, ist es zu spät. Wenn eine solche vermeintliche Normalität und ihre BaumeisterInnen und SäulenträgerInnen das Denken, das Fühlen und die Worte beherrschen, beherrschen sie auch die Taten, jedes und jeder Einzelnen.

Jetzt, fast ein halbes Jahr später, ist dieser Prozess bereits radikal vorangeschritten.

Da sind wir wieder. Die größte Gefahr ist die Normalisierung. Denn Normalität ist es nicht und wird es nie sein.

Wir werden mit tatsachen.at genau hinschauen und hinhören, die Mächtigen beim Wort nehmen und uns dieser Normalisierung Tag für Tag entgegenstellen. Für und mit jedem/r unserer LeserInnen.

Graz, Wien, am 1. Mai 2018

 

Foto: (c) Evelyn Schalk